Web 2.0
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Der Begriff Web 2.0 wurde vom Computerfachverlag O'Reilly und dem Konferenzveranstalter MediaLive International im Frühjahr 2004 geprägt. Web 2.0 soll ein Oberbegriff dessen sein, wofür das Internet heute steht: Neue interaktive Techniken und Dienste zusammen mit einer geänderten Wahrnehmung des Internets. Charakteristisch hierfür ist vor allem die Mitgestaltung und Mitentwicklung durch den Anwender.
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Entstehung und Hintergrund
Dale Dougherty, Web-Pionier und Vizepräsident vom O'Reilly-Verlag und Craig Cline von MediaLive International hielten im Frühjahr 2004 eine erste Konferenz ab, in welcher die Veränderungen im Web besprochen wurden. Dale Dougherty meinte, das Web habe sich in seinen Regeln und Geschäftsmodellen verändert, dennoch sei es wichtiger als je zuvor. Einen Wendepunkt hin zu dieser Veränderung sahen Dougherty und Cline im Scheitern der Dot-Com-Blase 2001. Das zerplatzen der Blase kam einer Marktbereinigung gleich. Aufstrebende Entwicklungen gewannen an Bedeutung und Misserfolge wurden verdrängt. Dougherty unterstrich diese Behauptung durch eine Reihe von Beispielen: DoubleClick war Web 1.0, Google AdSense ist Web 2.0. Ofoto war Web 1.0, Flickr ist Web 2.0.
Im weiteren Verlauf wurde der Autor des Werkes „The Search“ (schildert Geschäftsleben und Kultur im Banne von Google & Co), John Battelle, einbezogen, um auf Basis des "neuen" Web geschäftliche Perspektiven zu finden. Nach diesem Brainstorming veranstalteten O’Reilly, Battelle und MediaLive International im Oktober 2004 die erste Web-2.0-Konferenz. Diese findet seit dem jährlich im Oktober statt (Quelle: TwoZero: Was ist Web 2.0?).
Das Phänomen Web 2.0
Der Begriff Web 2.0 hat sich seit seiner Entstehung rasant verbreitet. Die aus der Software-Entwicklung stammende Bezeichnung "2.0" vermittelt dabei den Eindruck einer grundlegend überarbeiteten Version desselben "Programms", also des Internets. So kam auch der Begriff Web 1.0 als Synonym für das bisherige Internet auf.
O'Reilly und MediaLive International prägten Web 2.0 als einen umschreibenden Begriff für eine bestimmte Entwicklung des WWW. Der Begriff selbst enthält nichts Eigenes sondern steht vielmehr für eine Reihe von Prinzipien, welche die Veränderung und Wahrnehmung im heutigen Web widerspiegeln sollen. Kritisiert wird daher immer öfter, der Begriff wäre zu vage und unscharf definiert. Nicht umsonst wird Web 2.0 gern als Marketing-Schlagwort verwendet. Denn es soll die Popularität bestimmter Angebote oder Techniken fördern oder eventuell vorübergehenden Trends ein zusätzliches Standbein verleihen (Quelle: Universität Duisburg - Essen: Web 2.0).
Dennoch stieß Web 2.0 in der Öffentlichkeit auf starken Widerhall, weil die Veränderung, für die Web 2.0 steht, von einer breiten Masse ebenso empfunden wird, ohne dies auf eine bestimmte Technologie oder einzelne Entwicklungen zurückführen zu können.
Technisch gesehen bezieht sich Web 2.0 auf eine Kombination von Technologien und Prinzipien, die teilweise bereits Ende der 1990er Jahre entwickelt wurden. Diese konnten sich über die Jahre hinweg etablieren und zählen heute zu den Wegbereitern oder gar Pionieren der Web-2.0-Ära.
Die folgende Zeitachse zeigt das Aufkommen gängiger Begriffe, die Web 2.0 zugeordnet werden.
Quelle: DaScill-Web 2.0
Web-2.0-Prinzipien
Durch die rasante Verbreitung des Begriffs Web 2.0 wurde dieser oft vorschnell als Marketing-Schlagwort verwendet, ohne seine tatsächliche Bedeutung zu kennen. Die Web-2.0-Konferenz reagierte darauf mit der Schaffung von Schlüsselprinzipien. Diese basierten entweder auf den Erfolgsstorys von Web 1.0 oder griffen charakteristisches der interessantesten neuen Anwendungen auf.
- Das Web als Plattform
- Die Idee, das Web nicht nur in Verbindung mit einem Browser zu nutzen, kam schon Anfang der 1990er auf. Pioniere waren hier Netscape, DoubleClick und Akamai, die bereits zu Zeiten des Web 1.0 Dienste über das Internet anboten. Neu ist jedoch laut O'Reilly, dass die heutigen Dienste, welche im gleichen Umfeld anzutreffen sind, ein größeres Verständnis für das Wesen der neuen Plattform zeigen.
- Die Nutzung kollektiver Intelligenz
- Laut O’Reilly ist dies bereits das zentrale Erfolgsprinzip der überlebenden Web-1.0-Giganten. Verlinkungen der Daten und Seiten im Web bilden die Grundlage für eine vernetzte Struktur. Beispiele hierfür sind:
- Wesentlich für die Nutzung kollektiver Intelligenz ist vor allem die Möglichkeit des Mitwirkens, die oftmals auch ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen voraussetzt.
- Die Daten als nächste "Intel Inside"
- Datenbankmanagement stellt eine Kernkompetenz für viele Web 2.0 Anwendungen dar. Die Daten hinter den Anwendungen sind entscheident.
- Abschaffung des Software-Lebenszyklus
- Eine Software wird nicht mehr als Produkt ausgeliefert, sondern als Service. Die Aktualität eines solchen ist wesentlich höher. Updates werden gerade in Open-Source-Anwendungen monatlich, wöchentlich oder gar täglich aufgespielt. Daher wird diese Veränderung zum Service hin auch als ewiges Beta-Stadium bezeichnet, da sich die Software in einem ständigen Entwicklungsprozess befindet.
- Lightweight Programming Models
- Um Daten und Services der breiten Menge bereitstellen zu können, benötigt man “Lightweight Programming Models”. Dies bedeutet, dass die Daten sehr einfach über eine HTTP- (XML über HTTP) oder Webservice-Schnittstelle bereitgestellt werden müssen.
- Software über die Grenzen einzelner Geräte hinaus
- Nicht nur der PC ist als Endgerät geeignet, sondern auch Mobiltelefone oder sonstige Geräte.
- Benutzerführung (Rich User Experiences)
- Einfache Informationsseiten werden durch Anwendungen abgelöst, die normalen Fat-Clients in nichts nachstehen. So werden beispielsweise Drag und Drop im Zusammenspiel mit der dynamischen Interaktion zum Server auf Webseiten möglich. Eine Schlüsselkomponente dabei ist AJAX. Populär wurde dieses Vorgehen durch Google Mail und Google Maps.
(Quelle: TwoZero: Was ist Web 2.0?)
Technologien, Anwendungen und Szenarien
Web 2.0 umschreibt eine Reihe von Entwicklungen im Internet, die sich auch anhand von Techniken, Anwendungen und Szenarien festmachen lassen. Darunter fallen neben innovativen neuen Entwicklungen auch viele längst bekannte, welche die Web-2.0-Ideologie in ihren Konzepten widerspiegelt (siehe Zeitachse unter: Das Phänomen Web 2.0).
| Anwendungen | Techniken | Szenarien |
|---|---|---|
| Wikis | XML und Derivate | Mashups |
| openBC | AJAX | Web-PC |
| Weblogs | RSS | Geotagging |
| MySpace | Webservices | |
| Google AdSense | RFID |
Da das Mitwirken und Mitgestalten durch den Anwender ein wesentlicher Aspekt im heutigen Web ist, werden auch Erscheinungen wie, soziale Netzwerke, die Entwicklung von Folksonomy und soziale Lesezeichen dem Web-2.0-Konzept zugeschrieben. Diese haben Aspekte mit dem Semantisches Web gemein. Im Unterschied zum semantischen Web, bei dem Fachleute die Autoren sind, nehmen hier die Anwender die Rolle der Autoren ein.
Anforderungen an Web-2.0-Anwendungen
Aus den Prinzipien ergeben sich typische Anforderungen an Anwendungen, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen:
- Seiten werden dynamisch generiert und können sich z.B. durch bestimmte Benutzereingaben verändern.
- Netzbasierte Anwendungen benötigen lediglich einen Browser.
- Anwender können „eigene Daten“ besitzen und bearbeiten, und diese auch anderen Benutzern zur Verfügung stellen.
- Seiten und Anwendungen können nach Bedarf den eigenen Wünschen angepasst werden.
- Das Einstellen oder Ändern von Beiträgen durch den Benutzer und das kommentieren von Beiträgen
- Anwender können bestimmen, welche Beiträge welcher Benutzer sie einsehen oder bearbeiten möchten. Es herrscht ein differenziertes Rechtesystem.
- Unter den Benutzern entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit (gemeinhin auch als Community bekannt).
Prognose aus wirtschaftlicher Sicht
Das bekannte US-Marktforschungsunternehmen Gartner stellte Web 2.0 in den Mittelpunkt seines "Emerging Technologies Hype Cycle" für das Jahr 2006. Laut Gartner sollen die mit dem Begriff Web 2.0 beschriebenen Techniken einen gravierenden Einfluss auf die kommenden Jahre in der IT-Branche haben.
Den größten Einfluss schreiben die Marktforscher dabei Technologien wie AJAX (Asynchronous Javascript and XML) und sozialen Netzwerken zu. Unter sozialen Netzwerken versteht Gartner beispielsweise Wikis, Weblogs oder Corporate Blogs, welche für eine neue Form der Kommunikation und Informationsverbreitung stehen. Auch die Erstellung neuer Webinhalte durch kombinieren und vermischen bereits verhandener Webinhalte, so genannte Mashups, werden sich etablieren.
Eine zunehmende Herausforderung, die sich daraus ergibt, wird die Handhabung der riesigen Datenmengen sein. Analyseverfahren zur Filterung der jeweils für den Anwender relevanten Daten werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Analysten sehen daher ein großes Potential für Unternehmen, solche Kommunikationsnetze zu beobachten, um noch nicht bekannte Marktbedürfnisse zu erkennen und darauf entsprechend zu reagieren.
Für standortbezogene Dienste und mobile Anwendungen prognostizieren die Gartner-Analysten eine Verbreitung innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre. "Vermaschte Sensornetze" lautet dazu die Empfehlung. Damit lassen sich Informationen über das Wetter, Transportwege oder den Zustand von Waren übermitteln.
Die Entwicklungen des semantischen Web schätzt Gartner eher langfristig ein. Zwar sind serviceorientierte Architekturen (SOA) schon heute ein Thema für Unternehmen, aber ereignisgesteuerte Architekturen ("Event-driven") und modellgetriebene Architekturen ("Model-driven") haben auf dem Gartner Hype Cycle noch einen langen Weg vor sich. Auch hier wird von fünf bis zehn Jahren ausgegangen, bis ein nennenswerter Verbreitungsgrad erreicht sein wird.
Kritische Betrachtung - Hype oder Chance?
Web 2.0 und das, wofür es steht, wird wohl so schnell nicht vergessen sein, denn es handelt sich im Wesentlichen um keine Technologie die scheitern bzw. irgendwann überholt sein kann. Es ist vielmehr eine flexible Sammlung von Prinzipien, die nichts genau spezifizieren und ständig angepasst werden können, je nachdem, in welche Richtung die Woge des Web schlagen wird. Beweise für diese Behauptung liefert bereits Tim O'Reilly in seinem Artikel über die Prinzipien des Web 2.0. Dort fügt er vorsorglich seiner "Meme Map", welche den Kern und die Ideen des Web-2.0-Konzepts zeigt, hinzu, dass sich diese in ständiger Überarbeitung befände. Insofern ist ein gewisser, aber wohl durchdachter Marketingkern hinter all dem kaum zu verleugnen. CMP Technology (heutiger Eigentümer von MediaLive) sorgte diesbezüglich schon für negative Schlagzeilen: In den USA hat das Unternehmen den Begriff Web 2.0 als "Service Mark" (Dienstleistungsmarke) angemeldet. Aufsehen erregte dies, als im Frühjahr 2006 eine nichtkommerzielle Organisation den Begriff für eine Konferenz verwendete und daraufhin von CMP anwaltlich abgemahnt wurde.
Die Frage, ob Web 2.0 nun aber ein reines Schlagwort aus dem Marketing ist, ein technologischer Fortschritt, das interaktive Mitwirken aller oder eher eine Mischung aus all dem, beantwortet wohl am ehesten der Benutzer selbst. Ob dies nun einen feststehenden Namen wie Web 2.0 hat, spielt für die Existenz des momentanen Web kaum eine Rolle. Allerdings lässt sich dieser Trend durch entsprechendes Marketing sicher noch vorantreiben und lenken. Dies muss nicht unbedingt negativ aufgefasst werden, sondern kann durchaus dem Fortschritt förderlich sein. Ob sich die dabei verfolgten Ziele der Produzenten mit denen der Konsumenten vereinen, bleibt fraglich. Auf lange Zeit gesehen werden Unternehmen und Anwender das Web gemeinsam gestalten. Denn wenn neue Entwicklungen Zuspruch finden, kann man die vage Begrifflichkeit Web 2.0 an die neuen Gegebenheiten anpassen. Dennoch sollte der Begriff nicht leichtfertig verwenden werden, denn durch das Kollektiv der Anwender ist stets mit harter und unbarmherziger Kritik zu rechnen. Es bleibt somit abzuwarten, wie sich der Trend und somit das Web-2.0-Phänomen entwickeln wird.
Weblinks
- Dr. Web; Web 2.0: Dienste, Services und Ideen; 28. Oktober 2006.
- O'Reilly; What is the Web 2.0?; (deutsche Übersetzung); 30. Oktober 2006.
- Wikipedia; Web 2.0; 28. Oktober 2006.
- Computerwoche; Gartner entdeckt den Trend zu Web 2.0; 11. November 2006.
- Andy Budd; Web 2.0 is a Buzzword!; 11. November 2006.
- heise Online; Für Gartner ist Web 2.0 ein wirtschaftliches Schlüsselthema.; 30. Oktober 2006.
- heise Online; Streit um die Marke "Web 2.0"; 11. November 2006.
- süddeutsche.de; Ein neues Internet dank "Web 2.0"?; 11. November 2006.
- Podcast von FrankWestphal.de; Web 2.0 oder das Web sind wir; 14. November 2006.
- Universität Duisburg - Essen; Web 2.0; 12. November 2006.
- Spiegel Online; Eine grausame Welt.; 17. November 2006.
Literatur
- Tom Alby: Web 2.0 Konzepte, Erfahrungen & Technologien, Hanser Fachbuchverlag, 2006 (1. Auflage), ISBN 3446409319.
